...und die Wahrheit nimmt uns niemand ab
Ob verheiratet oder nicht, manchem stellt sich so oder so die Frage, ob wir unsere Sexualität ausschließlich in einer festen Partnerschaft oder auch in offenen Beziehungen bzw. mit wechselnden Partnern leben wollen. An dieser Frage scheiden sich die Geister. Um Treue oder Freiheit wird oft mit harten Bandagen und auch mit der ideologischen Keule gestritten. Manche treiben sich bis in den Hass. Die Liebe kommt leicht unter die Räder. Viele Partnerschaften sind daran zerbrochen.
Tantra bietet für diese Auseinandersetzung eine gute Projektionsfläche. „Esoterisch verbrämter Gruppensex“ oder „verkappte Partnerbörse“ sind zwei von vielen gängigen Vorurteilen, mit denen Tantra in der Öffentlichkeit bedacht wird. Das hat viel mit dem nach wie vor zwiespältigen Verhältnis unserer Kultur zum Sex zu tun. Die Integration von Spiritualität, Liebe und Sexualität im Tantra ist für manchen eine Provokation. Die meisten Menschen bleiben, wenn sie überhaupt von Tantra gehört haben, auf ihren Vorurteilen sitzen. Schade.
Aber auch in der spirituellen Szene, die es besser wissen könnte, kursieren recht heftige Vorurteile über Tantra. Dazu tragen manche Äußerungen und Veröffentlichungen aus der Tantraszene selbst erheblich bei, in denen direkt oder indirekt ein tantrischer Lebensstil proklamiert wird oder alte Glaubenssätze gegen neue ausgetauscht werden.
Aber was sagt Tantra zum Thema Treue und Freiheit? Gibt es so etwas wie eine tantrische Beziehung oder ein tantrisches Liebesleben? Da geistern zahlreiche, teilweise widersprüchliche Vorstellungen durch den Raum. Viele Menschen gehen davon aus, Tantra propagiere die „freie Liebe“ und vertrage sich nicht mit sexueller Ausschließlichkeit. Andere behaupten hingegen, Tantra könne nur in einer langfristigen, vertrauensvollen Beziehung wirklich erfahren werden. Ich finde, weder das eine noch das andere hat essentiell mit Tantra zu tun, sondern mit persönlichem Bindungsstil. Und es scheint weit verbreitet zu sein, andere von dem eigenen Bindungsstil überzeugen zu wollen, auch im Tantra. Warum?
In Tantrakursen finden viele Menschen Erfahrungsräume, in denen sie nicht zuletzt auch ihre Sexualität neu entdecken. Dafür kann es sehr hilfreich und auch heilsam sein, sich selbst als sexuelles Wesen unabhängig von einer Beziehung kennen zu lernen, wenn man bereit dazu ist. Daraus schließen manche, dass Tantra wechselnde sexuelle Kontakte befürwortet oder feste Partnerschaften abwertet. Sind Paare, die nur miteinander ihre Intimität leben wollen, weniger tantrisch?
Wenn wir näher hinschauen, finden wir auch im Tantra ganz unterschiedliche Bindungsstile. Das Spektrum ist groß und spiegelt womöglich eine grundlegende Eigenschaft des Tantra wieder, die schwer zu verstehen ist: Tantra ist Alles. Und Nichts. Tantra wertet nicht und „spielt“ mit dem Leben in den verschiedensten Facetten. Tantra hat Jahrtausende überdauert und sich in ganz unterschiedlichen kulturellen Formen manifestiert. Das Äußere scheint nicht wesentlich zu sein, obwohl Tantra - im Unterschied zu asketischen Traditionen - Äußerlichkeiten und Körperlichkeit nicht abwertet und uns zuweilen sogar mitten hinein führt.
Es ist in unserer Kultur tief verankert, bestimmte Beziehungsformen auf- und andere abzuwerten. Der Papst predigt die Ehe, die 68er propagierten die freie Liebe, um mal zwei Pole zu benennen. Solche Positionen finden sich - in neuem Gewand - auch in der Psycho-Szene:
• Liebe ist ein Kind der Freiheit. Wer wirklich frei sein will, der kann nur sich selbst gegenüber treu sein. Wenn du „mit der Energie gehst“, kannst du dich langfristig auf keine feste Bindung einlassen. Feste Beziehungen dienen vor allem der Absicherung von Besitzansprüchen und der Vermeidung von Eifersucht und haben mit Liebe eigentlich nichts zu tun.
• Damit Liebe wirklich in die Tiefe gehen kann, braucht es Dauer, Bindung und Verpflichtung. Wechselnde Intimpartner sind ein Zeichen von Unreife. Solche Freigeister bleiben in der Pubertät stecken und weigern sich, Verantwortung zu übernehmen, sich einzulassen und erwachsen zu werden.
An beiden Thesen ist durchaus etwas dran, und für beide finden wir wahrscheinlich Beispiele aus unserem Bekanntenkreis. Die Gültigkeit der Thesen ist aber bestenfalls relativ und die Wahrheit ist paradox: wir sind nur frei, wenn wir uns auch ganz und gar binden können. Und wir sind nur wirklich gebunden, wenn wir ganz und gar wir selbst und das heißt frei bleiben können. Sonst sind wir nicht gebunden, sondern angepasst.
Zeitgemäße Spiritualität hat Raum für Widersprüche. Wir finden nicht mehr ohne weiteres zu Gott, indem uns zehn Gebote vorgehalten werden. Niemand kann uns davon entbinden, unsere eigene Wahrheit selbst herauszufinden. Das ist noch immer nicht selbstverständlich. Die Sehnsucht nach einer guten Autorität, die mir sagen kann, was richtig ist und was ich tun soll, scheint immer wieder aktuell. Der Widerstand dagegen allerdings auch. In jedem Workshop erlebe ich Frauen und Männer, die davon ausgehen oder befürchten, mehr der Seminarleitung als ihrer eigenen Wahrheit folgen zu sollen. Viele brauchen es immer wieder zu hören, dass es okay ist, ihre Grenzen zu respektieren und z.B. in einer Begegnung nur soweit zu gehen, wie sie dazu wirklich bereit sind. Andere wiederum brauchen die explizite Erlaubnis von außen, Grenzen zu überschreiten, die mehr mit verinnerlichten Moralvorstellungen als mit ihrer eigenen Wahrheit zu tun haben.
Beim Thema Treue und Freiheit ist das Hören auf die eigene Wahrheit besonders herausfordernd. Fast jeder hat hier schmerzhafte Erfahrungen gemacht, viele Partnerschaften sind daran zerbrochen. Eifersucht kann höllisch weh tun, und sich in einer Beziehung eingesperrt zu fühlen ist auch nicht viel besser. Da ist die Sehnsucht verständlicherweise groß, in einer in Liebesdingen so kompetenten Lehre wie dem Tantra Antworten zu finden. Tantra gibt jedoch - in meinem Verständnis - keine Antworten, sondern führt uns immer wieder zu uns selbst zurück. Manche Tantriker scheinen da anderer Meinung zu sein. In dem Video „Tantra - der Film“ von Andro bekommen wir Leitbilder gezeigt, wie Tantriker angeblich sind und wie sie nicht sind, was sie tun und wie sie leben. Da wird z.B. behauptet - und das ist jetzt keine Satire - dass echte Tantriker an jedem Gemüse erst schnuppern, bevor sie es kaufen (und damit meine ich nicht, dass das keine gute Idee wäre), oder ein Liebespaar wird gezeigt, das wie selbstverständlich einen dritten aus der Wohngemeinschaft zu sich ins Bett nimmt, als dieser Zuwendung braucht. Ich finde die Szene eigentlich sehr schön. Was mich aber unangenehm berührt ist die Art und Weise, wie es als ein neues Ideal proklamiert wird. Man bekommt den Eindruck, dass Tantriker sich vor allem durch einen sehr alternativen und sexuell freizügigen Lebensstil auszeichnen, und dieser Eindruck führt in die Irre. Ein solcher Lebensstil mag für manche die Folge ihrer Begegnung mit Tantra sein. Dies aber als Vorbild darzustellen mag zwar die verbreitete Nachfrage nach Orientierung bedienen, hilft aber nicht unbedingt weiter, der eigenen Wahrheit auf die Spur zu kommen und sich selbst zu vertrauen. Dieses Vertrauen ist gerade in Liebesdingen erschüttert. Ich finde wir brauchen keine neuen Glaubenssätze und Idealvorstellungen. Was wir brauchen, ist uns selbst tiefer kennen zu lernen. Da kommt dann manch Spannendes zu Vorschein, auch was unsere Präferenzen zwischen Treue und Freiheit angeht.
Entscheidend für die Art und Weise, wie wir Beziehungen leben, ist unser persönlicher Bindungsstil. Die Grundlagen dafür werden vor allem in der psychosexuellen Entwicklung der Kindheit gelegt. Unsere tiefsten Liebesbedürfnisse und -sehnsüchte sind damit verbunden. Es ist einleuchtend, dass z.B. ein Mann, der von der Liebe seiner Mutter schier erdrückt wurde, später in Beziehungen Angst vor einer festen Bindung hat. Wenn ihm – ich nenne ihn mal Frank - dann jemand erklärt, feste Beziehungen seien sowieso nur kleinbürgerlich, lust- und liebestötend oder eben untantrisch, welche Erleichterung! Endlich fühlt er sich verstanden und im Recht, und schleppt womöglich seine Freundin in einen Tantrakurs, damit sie es endlich auch begreift... Seine Freundin, deren Vater kaum für sie da war und die sich so sehr nach einem Mann sehnt, der ohne wenn und aber zu ihr steht und sie nicht ständig wieder mit dieser nagenden Wunde der Verlassenheit konfrontiert, diese Freundin – nennen wir sie Jeanette – hat nun aber ein anderes Tantrabuch gelesen, aus dem ein ganz anderer Wind weht. Dort liest sie jetzt schwarz auf weiß, dass Frank einer von diesen unreifen Männern ist, die ständig auf der Flucht vor ihrer Mutter sind und nicht erwachsen werden wollen. In dieser Tantraschule, so lernt sie, steht das klare Commitment der beiden Partner zueinander am Anfang des Weges, ohne dieses ist eine langfristig erfüllende Beziehung nicht möglich. Sie ist begeistert, sie hat es schon immer gewusst, sie fühlt sich gesehen, das ist ihr Weg... nur ihr Liebster, der will es nicht so recht verstehen...
Wir alle sind durch unsere Erfahrungen geprägt, und es scheint menschlich zu sein, die aus unseren Erfahrungen gewonnenen Erkenntnisse zu Glaubenssätzen gerinnen zu lassen und uns mit einem System von Glaubenssätzen vor neuen schmerzhaften Erfahrungen zu schützen. Heikel wird es dann, wenn wir dieses Glaubenssystem mit der Wahrheit verwechseln und andere unbedingt davon überzeugen wollen. Hier kann aus Liebe schnell Hass werden. Ganze Kriege werden aus dieser Dynamik heraus angezettelt.
Woher kommt dieser Überzeugungsdrang? Sobald wir den individuellen Hintergrund kennen, wird verständlich, warum Frank für die freie Liebe plädiert und Jeanette für eine feste Bindung. Das Mysterium der Liebe scheint sich gerade an diesen Widersprüchen zu entfalten. Ich habe so oft beobachtet, wie ein Frank sich ausgerechnet in eine Jeanette verliebt und umgekehrt, dass ich da nicht mehr an einen dummen Zufall glauben mag. Das hat Methode. Wir verlieben uns gerade da, wo wir unbewusst bereits ahnen, dass unser Glaubenssystem und unsere Persönlichkeit herausgefordert werden. Die Verliebtheit ist ein wunderbares Geschenk der Natur, indem sie uns dazu motiviert und ermutigt, uns auf Erfahrungen jenseits unserer Persönlichkeitsstruktur einzulassen. Am Anfang ist dies ungemein attraktiv, wir glauben fliegen zu können. Doch wenn wir an die Grenzen unserer Persönlichkeit stoßen, die aufgrund schmerzhafter oder gar traumatischer Kindheitserfahrungen entstanden sind, dann geht es ans Eingemachte. Dann tobt der Kampf zwischen Frank und Jeanette, dann will einer den anderen überzeugen, bis die beiden vielleicht herausfinden, dass gerade in der Unvereinbarkeit ihrer Positionen ein tiefer Sinn verborgen liegen könnte. Gerade dort können wir in Liebesdingen aus unserer Kindheitsprägung herauswachsen und uns für etwas öffnen, was größer ist als wir selbst. In dieser Bereitschaft zur Hingabe an etwas, das größer ist als wir selbst, lernen wir Kampf und Hass loszulassen und zur Liebe zu finden.
Ich habe in meinem Beziehungsleben sehr unterschiedliche Phasen durchlebt. Es gab Zeiten, in denen es mir sehr wichtig war, sexuell frei zu sein und zu experimentieren. Dann suchte ich jedoch auch immer wieder Dauer und Verbindlichkeit. Und immer war ich auf der Suche danach, beides zu verbinden. Vor zwölf Jahren dachte ich, mit Gabrielle zusammen die goldene Formel gefunden zu haben, Freiheit und Bindung zusammen zu bringen. Voller Euphorie taten wir dies der Welt kund. In einem sehr schmerzhaften Prozess musste ich erkennen, dass auch diese Formel ihre Tücken hat und versteckte Fallen mit eingebaut waren. Heute staune ich über meine damalige Naivität.
Seit einigen Jahren lebe ich in einer neuen Beziehung und wundere mich, dass ich keine Ambitionen habe, mit anderen Frauen sexuell zusammen zu sein, obwohl ich immer dachte, das gehöre zu meinem Wesen. Ich finde andere Frauen durchaus attraktiv. Aber ich empfinde dieses monogame Verhalten überhaupt nicht als Einschränkung. Es würde meinem Ego sehr schmeicheln zu behaupten, ich sei jetzt reifer geworden. Aber weiß ich denn, was das Ende vom Lied ist? Ich bin vorsichtiger geworden, meinen aktuellen Bindungsstil als Modell empfehlen zu wollen.
Was bleibt ist die Unsicherheit. Es gibt keine „richtige“ Beziehungsform, auch keine „tantrisch korrekte“. Wir werden darauf zurückgeworfen, unsere eigene Wahrheit zu finden, und die kann sich immer wieder ändern. Ich habe im Tantra Erfahrungsräume gefunden, meiner Wahrheit immer wieder neu auf die Spur zu kommen und dabei so riskanten Fragen nachzugehen wie:
• Wodurch entsteht Bindung und wodurch das Bedürfnis, aus einer Begegnung mehr werden zu lassen?
• Welche Bindung entsteht durch sexuellen Kontakt, welche durch sexuelle Vereinigung?
• Wie binden wir uns von Herzen? Braucht unser Herz Bindung oder Freiheit? Oder beides?
• Welchen Unterschied macht ein ritueller, z.B. tantrischer Kontext, in dem sexuelle Begegnung stattfindet?
• Wie und in welcher Zeit kann eine sexuelle Bindung oder eine Herzensbindung auf heilsame Weise wieder gelöst werden?
Es ist nicht einfach, solche Fragen vorbehaltslos zu erforschen. Wir werden bald mit unseren eigenen Grenzen und Konditionierungen konfrontiert. Deswegen sind auch alle Theorien darüber nicht zuletzt Abbilder derer, die sie aufgestellt haben.
Vielleicht können wir aber mit den Fragen leben, können uns von diesen Fragen inspirieren lassen, immer wieder genau hinzuschauen und hinzuspüren: was dient dem Mysterium der Liebe? Wie kann ich es für mich immer wieder erfahrbar machen? Welche Art von Bindung fühlt sich für mich gerade wahr an? Wie können sich Sex und Herz gegenseitig beflügeln? Mit diesen Fragen zu leben anstatt allgemeingültige Antworten zu finden öffnet uns immer wieder für den Raum des Nicht-Wissens.
Stelle dir vor, du bist mitten in einer sexuellen Begegnung und du hast alles vergessen, was du jemals über Sex zu wissen geglaubt hast. Wenn du deine Unsicherheit, deine Angst und deine Scham für eine Weile soweit beiseite lassen kannst, so dass sie nicht im Wege stehen, dann kann schon die Vorstellung ekstatisch sein. Du bist vollkommen unschuldig. Du bist frei. Du bist ganz auf dein Spüren im Moment zurückgeworfen. Du antwortest auf jede Berührung aus der unmittelbaren Wahrheit deines Empfindens, denn auf etwas anderes kannst du nicht zurückgreifen. Das ist der Himmel auf Erden. Tantra kann uns diesen Himmel näher bringen, und zwar nicht – wie ich meine - indem Tantra uns neue Vorstellungen darüber beibringt, wie wir leben und lieben sollten, sondern indem wir den Mut und die Unterstützung finden, nicht zu wissen und dennoch zu vertrauen. Jetzt können sich Jeanette und Frank nicht nur lieben, sondern sie fahren auch voll aufeinander ab. Und sie leben glücklich bis... na ja, das lassen wir jetzt mal deren Sache sein.