Einleitung (Textauszug)
Das Leben ist widersprüchlich. Forscher und Pioniere der unterschiedlichsten Gebiete – der Psychologie wie der Politik, der Quantenphysik wie der Religion, der Sexualität wie unserer Liebesfähigkeit – kommen zu diesem Ergebnis. Und auch unser Alltag führt es uns jeden Tag vor Augen: Das Leben ist widersprüchlich. Manchmal wohl mehr als uns lieb ist.
Deswegen könnten wir geneigt sein, diese Behauptung einfach mit einem Kopfnicken zur Kenntnis zu nehmen und sie gleich wieder ad acta zu legen. Das wäre schade, denn damit verpassten wir eine riesige Chance: Wir können Widersprüche – und sie sind allgegenwärtig – als Wegweiser zu einem tieferen, liebevolleren und unmittelbareren Kontakt mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit dem Leben selbst verstehen lernen.
Paradoxien in unserem Alltag, in unseren Beziehungen, in unserer Kultur und in unserer Spiritualität nicht nur als Randerscheinung, sondern als untrennbar mit unserem Menschsein verbunden zu betrachten, hat weitreichende Konsequenzen. Es wird einiges in unserem Weltbild auf den Kopf stellen – oder sollen wir lieber sagen: auf die Füße?
Mich lassen Widersprüche immer wieder Achterbahn fahren, sodass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Dennoch möchte ich sie heute nicht mehr missen. Warum? Weil ich mich in sie verliebt habe. Sie vielleicht sogar liebe. Aber es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ganz im Gegenteil, ich habe – ohne es so recht zu merken – alles Mögliche getan, um sie aus meinem Leben zu verbannen. Aber sie blieben mir treu. Sie kamen immer wieder zurück.
Es ist nicht unbedingt leicht, Widersprüche in ihrer Bedeutung für uns zu würdigen. Wenn eine Ampel zugleich auf Rot und auf Grün steht, was soll das anderes bringen als ein Verkehrschaos? Was für eine Straßenkreuzung sinnvoll ist, muss jedoch nicht überall Nutzen bringen. Es kann sogar verheerend sein. Vielleicht hat es seinen Grund, dass die Natur keine Ampeln erfunden hat? Eindeutigkeit hat gleichwohl etwas sehr Attraktives. Eine Gebrauchsanweisung fürs Leben, mit eindeutigen Hinweisen und am besten noch einer Reklamationsstelle, wenn es nicht funktioniert, das wäre doch was!
Und tatsächlich, zu jeder Lebenslage, in der wir uns im Laufe unseres Lebens wiederfinden, gibt es Bücher und Ratgeber. Es gibt keinen Mangel an Tipps, wie wir besser hiermit und damit umgehen könnten. Die meisten Ratgeber erwecken dabei den Eindruck, es gebe so etwas wie die eindeutig bessere oder gar die beste Lösung für unsere Situation. Wenn wir dann einer bestimmten Richtung oder einem Ansatz, denen wir unser Vertrauen schenken, eine Weile folgen und an ihre Grenzen stoßen, sind wir manchmal so ratlos wie zuvor.
Schon wartet die nächste Empfehlung, die uns erklärt, was wir falsch gemacht haben und woran wir uns von nun an orientieren sollten. Auf diese Weise können wir natürlich viel lernen. Wir können uns dabei aber auch leicht verlieren, indem wir von einem Glücks- oder Heilungsversprechen zum nächsten eilen und etwas Wesentliches dabei übersehen: Das Leben ist – und bleibt – widersprüchlich. Wo wir versuchen, Widersprüche zu eliminieren, gewinnen wir vielleicht an Sicherheit und Stabilität, aber etwas in uns und um uns herum stirbt langsam ab. Das Feuer unseres Herzens erlischt. Viele Strukturen unserer Kultur und Gesellschaft legen es uns nahe, das Feuer zu löschen. Sie lassen das oft sogar unausweichlich erscheinen. Vielleicht ist es eine tiefe Sehnsucht in uns, die es doch immer wieder zum Brennen bringt.
Mystiker aller Zeiten sprechen von dieser Sehnsucht. In den tiefgründigsten Weisheitslehren und spirituellen Strömungen haben Paradoxien schon immer einen besonderen Platz. Viele Mysterien sind davon beseelt. Diese Mysterien müssen jedoch nicht alltagsferner oder gar abgehobener Spiritualität vorbehalten bleiben. Sie können ganz konkret in unserem Leben Platz finden, in deinem und in meinem, und uns beglücken.
Uns der Widersprüchlichkeit des Lebens zu stellen, ist jedoch keine Schnellstraße ins Glück...